Verabschiedung der Berufsschulstufenschüler 2008

 

Worte zur Verabschiedung der Berufsschulstufenschüler

 Was vor vielen Jahren im Kindergarten oder in der Schulvorbereitenden Einrichtung und in der 1. Klasse am 1. Schultag mit der Schultüte begonnen hat, findet heute einen Abschluss.

Vor 15 Jahren zu Beginn der Kindergartenzeit ward Ihr kleine Kinder, gerade vier Jahre alt. Ihr habt Euch zum ersten Mal in eine Einrichtung gewagt, in die neue Lebenswelt der Bischof-Wittmann-Schule. Mit der fast so großen Schultüte in der Hand wie Ihr als sechsjährige Kinder selbst an Körpergröße gemessen habt, seid Ihr mit großen Erwartungen in die Schullaufbahn gestartet. Die vier Schuljahre in der Grundschulstufe, die fünf Schuljahre in der Hauptschulstufe und die drei Schuljahre in der Berufsschulstufe liegen nun hinter Euch.

Darf ich an die sehr geehrte Festgemeinschaft einen Wunsch äußern? Wir machen gemeinsam eine Traumreise. Dabei empfiehlt es sich, die Augen zu schließen. Ihr habt einen Gipfel erklommen. Wenn ich bei diesem Bild bleiben darf: Bei Sonnenschein genießen wir die herrliche Aussicht auf die umgebende Bergwelt und die Täler in der Ferne am Horizont. Wir schauen vor und zurück und wenden unseren Blick nach beiden Seiten. In einem Hochgefühl sind wir dem Himmel zum Greifen nahe; die Herrlichkeit der Schöpfung überwältigt unser Gefühlsleben.

Wir kehren langsam zurück an unseren Versammlungsort, in die Sporthalle – und öffnen die Augen wieder. Als junge erwachsene Menschen, als Dame oder Herr, seid Ihr diese Gipfelstürmer; Ihr habt das Ziel erreicht: den Abschluss der Berufsschulstufenzeit. In diesen vielen Jahren der schulischen Bildung und Erziehung haben die Lehrer, Erzieher, Pflegekräfte und Therapeuten in der heilpädagogischen Arbeit am Menschen ihr Bestes gegeben. Durch Fleiß und Lernbereitschaft habt Ihr sehr viel für das Leben als erwachsener Mensch gelernt und Ihr habt Euch bemüht das Beste aus Euch herauszuholen. Vielleicht war es die wichtigste Aufgabe der Lehrer, Erzieher, Pflegekräfte und Therapeuten zu Eurem Glück beizutragen, Eure Lebensfreude zu steigern, zum Leben zu ermutigen.

Ein vollwertiges Gipfelerlebnis gibt es nur verbunden mit den Mühen des Aufstiegs und der Rückkehr in den Alltag durch den Abstieg. Und statt des erhofften Sonnenscheins kann der Gipfel auch wolkenverhangen sein. Eure Verabschiedung ist aber kein Tag der Trauer. In manchen Augen werden Tränen fließen; es können nur Freudentränen sein. Auf dem Weg des Lebens, beginnt die Arbeitswelt in der Werkstatt für behinderte Menschen oder in der angegliederten Förderstätte oder in der freien Wirtschaft oder es folgt eine Verlängerung der Schulzeit durch den Besuch einer Berufsschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Ihr liebe erwachsene Schüler und Schülerinnen steht am Anfang des Erwachsenenlebens.

Für das Geschenk des Lebens, dafür, dass Ihr in die Schule gehen durftet, was nicht in jedem Land der Erde der Fall ist, dafür, dass wir Lehrer Euch unterrichten durften, für die Lebensbegleiter in der Familie, für die Eltern und für die Geschwister und für vieles mehr sollen wir aus tiefem Herzen dankbar sein.

Ihr habt die Eltern, die weiter im erforderlichen Umfang für Euch sorgen werden. Und den Vätern und Müttern muss ich sagen: Die Verpflichtung den erwachsenen Kindern gegenüber besteht weiter. Ich möchte die Eltern ermutigen, treten Sie weiterhin für die Rechte ihrer erwachsenen Kinder ein, suchen Sie sich Verbündete und Gleichgesinnte in der Gesellschaft und ich bitte Sie: unterstützt die berechtigten Anliegen der Werkstatt für Behinderte Menschen und der Förderstätte sowie der Wohnheime in dem Maße wie Ihr die Bischof-Wittmann-Schule vorangebracht habt und erhebt die Stimme gegenüber den Verantwortlichen in der Politik. Eine Bürgergesellschaft lebt von der Zivilcourage und braucht gerade auch die Gemeinschaft von Schülern, Mitarbeitern und Eltern die zusammenhält.

Jeder Mensch steigt in seinem Leben Stufen hinauf und geht sie wieder abwärts. Mit Hermann Hesse der dies in dem Gedicht „Stufen“ so tiefgründig in Worte fasst, können wir uns an die Traumreise auf den Gipfel, den ich als Bild für den Schulabschluss gewählt habe, erinnern und zugleich die harte Wirklichkeit im Auge behalten.

 

Stufen

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

dem Alter weicht blüht jede Lebensstufe,

blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in and`re, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen,

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stuf` um Stufe heben, weiten!

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen!

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

uns neuen Räumen jung entgegen senden:

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

 

In diesem Sinne mein väterlicher Wunsch „Auf Wiedersehen“ und „Auf Wiederhören“. Der bayerische Abschiedsgruß „Führe Euch Gott“ soll alle Teilnehmer dieser Festversammlung als Segensspruch ein Leben lang begleiten.

 

 Regensburg, den 25. Juli 2008

  Ludwig Faltermeier

Einrichtungsleiter